Ein früheres Werk des Literaturnobelpreisträgers, lesenswert!
Als 2021 der 1948 auf Sansibar geborene Autor Abdulrazak Gurnah den Literaturnobelpreis bekam, kannte ihn hierzulande kaum jemand, Das hat sich, nachdem nun vier Romane von ihm auf Deutsch vorliegen, mittlerweile geändert. " Die Abtrünnigen" erschien schon 2006 auf Deutsch und liegt nun in einer Neubearbeitung vor." Es ist eine Geschichte darüber, dass eine Geschichte viele Geschichten enthält und dass sie nicht uns gehören, sondern Teil der zufälligen Strömungen unserer Zeit sind. Und es ist eine Geschichte darüber, wie wir uns in Geschichten hineinverstricken und für alle Zeit darin gefangen bleiben." so heißt es im Roman.Abdulrazak Gurnah erzählt uns hier nicht nur von der Geschichte Sansibars, seiner früheren Heimat, sondern er erzählt sehr viele Geschichten : von den Menschen, die dort lebten und von solchen, die weggingen und auch die Geschichte von zwei unglücklichen Liebespaaren.Es beginnt im Jahr 1899 in einer kleinen ostafrikanischen Küstenstadt. Der Krämer Hassanali findet frühmorgens einen weißen Mann, einen Mzungu, auf den Stufen der Moschee. Er nimmt ihn mit zu sich nach Hause und kümmert sich um ihn. Der Weiße, ein Orientalist namens Martin Pearce, verliebt sich dabei in die Schwester des Krämers und die sich in ihn. Eine verbotene Liebesbeziehung beginnt, die natürlich zum Scheitern verurteilt ist. Pearce wird nach England zurückkehren und Rehana mit einem Kind zurücklassen.Hatten wir es bisher mit einem auktorialen Erzähler zu tun, der bilderreich und detailliert das bunte Leben der verschiedenen Kulturen aufblättert, so erfahren wir in einem sog. " Gedanklichen Zwischenspiel" wenig von der eigentlichen Liebesgeschichte. Hier spinnt ein Ich- Erzähler verschiedene Möglichkeiten durch, wie es zu dieser unerlaubten Beziehung zwischen einem Kolonialbeamten und einer Einheimischen kommen konnte.Im zweiten Teil überspringt der Roman eine Generation und wir sind nun in den frühen 1960er Jahren auf Sansibar.Auch hier entwickelt sich eine Liebe, die nicht sein darf und zwar zwischen dem jungen Studenten Amin und der etwas älteren geschiedenen Jamila. Sie ist die Enkelin Rehanas und deren Ruf als gefallene Frau haftet Jamila immer noch an. Rashids Eltern sind strikt gegen die Beziehung ihres Sohnes zu dieser selbstbewussten Frau mit fragwürdigem Hintergrund. Sie verbieten ihm jeglichen weiteren Kontakt und Amin als folgsamer Sohn hält sich daran. Es bricht ihm zwar das Herz, doch sich auflehnen gegen die Wünsche und Erwartungen der Eltern vermag er nicht.Im dritten und letzten Teil des Romans kommt Rashid, der jüngere Bruder Amins, als Ich- Erzähler zu Wort. Er war es auch, der sich in dem " Zwischenspiel" seine Gedanken machte.Rashid hat es, kurz vor der Unabhängigkeit Sansibars, mit einem Stipendium nach England geschafft. Er studiert in London, promoviert, macht Karriere als Hochschullehrer und wird nie mehr in seine Heimat zurückkehren.Dort erlebt die Familie nach der Revolution einen gesellschaftlichen Absturz. Der Vater verliert seine Arbeit als Lehrer; es folgt ein Leben in Armut und Angst.Doch auch Rashid hat mit einigen Widrigkeiten zu kämpfen. Ihm schlagen in England Missachtung und offener Rassismus entgegen. " Aber die erste Lektion, die mir in London erteilt wurde, war, mit der Geringschätzung der anderen leben zu lernen....Wie viele Menschen in ähnlichen Umständen begann ich mich selbst mit wachsender Abneigung und Unzufriedenheit zu betrachten, begann mich, mit ihren Augen zu sehen."In der Figur des Rashid hat Gurnah eigene Erfahrungen und Erlebnisse verarbeitet." Desertion" heißt der Roman im Original. "Fahnenflucht" bringen wir mehr mit Krieg und Militär in Verbindung , deshalb ist der deutsche Titel " Die Abtrünnigen" treffend. Abtrünnig verhalten sich hier viele. Nicht nur die Liebenden verlassen einander wegen kolonialem Denken oder falsch verstandenem Ehrenkodex. Auch Rashid fühlt sich als Abtrünniger, als er seine Heimat für immer verlässt. Und letztendlich verhält sich England abtrünnig, als es seine Kolonie unvorbereitet in die Freiheit entlässt.Abdulrazak Gurnah hat auch hier wieder einen komplexen Roman vorgelegt. Dabei zeichnet er ein breites Panorama seiner Heimatregion vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Unabhängigkeit in den 1960er Jahren. In vielen Bildern und Episoden lässt er die vergangene Welt lebendig werden, dieses Vielvölkergemisch mit seiner unterschiedlichen Kultur und Lebensart. Und später erlaubt er uns einen tiefen Einblick in familiäre Strukturen und den Alltag auf Sansibar Mitte des 20. Jahrhunderts.Dabei vermeidet er Schwarz-Weißzeichnungen. Es gibt nicht nur bei den Kolonisatoren Verbote und ein Menschenbild, das dem persönlichen Glück im Wege steht. Auch einheimisches Standesdenken und das Verbot, Grenzen zu überschreiten, verhindern ein erfülltes Leben.Bei den Engländern zeigt er offenen und brutalen Rassismus, bringt aber mit Pearce einen Gegenentwurf ins Spiel. Ihn zeichnet er als Menschen, der der ihm fremden Kultur offen und mit Respekt entgegentritt und der mit Scham das Treiben seiner Landsleute beobachtet. " Ich glaube, wir werden unser Tun in Ländern wie diesem mit der Zeit in immer weniger heldenhaftem Licht sehen,..., wir werden uns für manches schämen, was wir getan haben."Gurnah packt keineswegs belehrend, sondern sehr organisch sehr viel Informationen über den gesellschaftlichen und politischen Hintergrund in die spannenden Familien- und Liebesgeschichten .Dabei spielt er mit unterschiedlichen Erzählformen. Er lässt den Ich- Erzähler vom letzten Kapitel als den auktorialen Erzähler vom Anfang erkennen, fügt Tagebucheinträge von Jamin dazu und beleuchtet so das Geschehen von verschiedenen Seiten. Mit den Brüchen zwischen den Teilen und den Zeitsprüngen fordert er den Leser.Doch Gurnah geht souverän mit seinem großen Stoff um und bringt am Ende alle losen Fäden zusammen.