Ein zeitloses, hochaktuelles Buch über die Schwachstellen der Demokratie.
und anschaulich, teils sogar spannend die Geschichte von 1918 bis 1933 aufzurollen. Das kann man nur vollbringen, wenn man selbst tief in historischem Wissen steckt und weit darüber hinaus blicken kann, um den roten Faden aufzuzeigen, der durch diesen Dschungel führt. Hut ab für diese Leistung. Mein Eindruck, dass wir grad in einer turbulenten unordentlichen katastrophengehetzten Zeit sind, ist durch dieses Buch um eine wichtige Erkenntnis reicher geworden: Es gab auch schon früher Jahre, in denen alles schwankte und wankte und alles an Wert verlor. Herr Ullrich zeigt so profund auf, an welchen Stellen die Demokratie angreifbar und verletzbar ist, dass es nicht schwer fällt, die Parallelen zu finden. Klar ist heute alles anders und hat sich weiterentwickelt, aber bestimmte Punkte von damals wiederholen sich grad. Dieses immense Chaos, in dem sich damals die Deutschen befanden, dieser in jeder Hinsicht bei den Politikern nie vorhandene Weitblick. Das Tun, um des eigenen Machtwillens wegen. Diese unbewusste Sehnsucht des Bürgers nach Stabilität und Führung und Ruhe. Das teils komplette Ausblenden all der Tatsachen, die man weiß, nur um einfach ungestört weiter vor sich hin leben zu können. Dieser fatale Wunsch nach einem Führer, der sagt, wo es lang geht. Die Schwäche derjenigen, die das Ruder rumreißen könnten, sich aber im Kleinklein ihrer ureigenen Wünsche verheddern und gar nicht merken, dass sie immer mehr zu den Vorschubleistern werden für all diejenigen, die nur darauf lauern, dass die Demokratie ihre offene Flanke unbewacht lässt. Auch der Drang zu all den Lustbarkeiten wie gutes Essen und Trinken, Vergnügungen jede Art und natürlich des Deutschen geliebter Reiseurlaub, all das findet seine Entsprechung damals in den Auswüchsen der aus dem Boden schießenden Tanzpaläste, Filmpaläste und all den sonstigen Vergnügungen. Jemand sagte einmal über die damalige Zeit, es sei ein Tanz auf dem Vulkan gewesen. Ich denke, es ist heutzutage nicht anders. Und all das begreift man um so heftiger durch die wunderbar klare Aufarbeitung Ullrichs der damaligen Weimarer Zeit. Sicherlich kann man darüber diskutieren, ob es erlaubt ist, so ein Sachbuch unter diesen Vorzeichen zu lesen und ganz gewiss wird nicht jeder meiner Meinung sein. Zu einer funktionierenden Demokratie gehört jedoch, dass konträre Ansichten nebeneinander Bestand haben dürfen. Sie hört dort auf, wo man sich deswegen die Köpfe einschlägt. Ein Buch, das ich jedem empfehle, der ein wenig Spaß verspürt, Historisches zu lesen, eben weil er daraus Erkenntnisse ziehen möchte, die in der Gegenwart von Nutzen sind.