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Besprechung vom 25.02.2025
Durch den Nebel
Joseph Vogl widmet sich wolkigen Verhältnissen
In Italo Calvinos geplanten, durch den Tod aber nicht gehaltenen Harvard-Vorlesungen "Sechs Vorschläge fürs nächste Jahrhundert" aus dem Jahr 1985 ist von fliegenden Teppichen, Leopardis Traum eines leichtfüßigen, aber nicht leichtsinnigen Lebens oder von Guido Cavalcantis beschwingtem Sprung über Grabsteine aus Boccaccios "Decamerone" die Rede. An solche Evokationen des Leichten knüpft auch Joseph Vogl in seinem "Versuch über das Schwebende" an und fügt ein paar weitere Beispiele hinzu.
Das Schwebende oder "Meteorische", In-die-Luft-Gehobene, ist etwas, das weder lastet noch davonfliegt. Es liegt im unsteten Gleichgewicht zwischen gegensätzlichen Kräften und ist schwer fassbar, wie Wolken und Nebel. Diese unfeste Beschaffenheit im weiten Spektrum von sprachlichen, epistemologischen, wissenschaftsgeschichtlichen oder politischen Implikationen zu bedenken, ist Vogls Anliegen. Mehr assoziativ als systematisch sucht der Autor mit Seitenblicken auf die atomistische Deklinationstheorie des "clinamen" bei Lukrez, auf die Wolkenlehre Luke Howards und Goethes oder auf diverse literarische Motive ein Weltverhältnis anzuzeigen, das zum besseren Verständnis unserer kognitiv, politisch, existenziell sich verflüchtigenden Gegenwartserfahrung beitragen könnte.
Zum Einstieg greift Vogl zurück auf Musils Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" mit seinen sozialen, politischen, ökonomischen Gravitationslinien der Vorkriegszeit von 1914, niedergeschrieben aber in den Vorjahren eines anderen Kriegs. Erzählzeit und erzählte Zeit durchdringen einander, Literatur wird zur "Gleichgewichtsstörung des Wirklichkeitssinns", Ereignisse mutieren zur Ereigniserwartung. Musils Roman partizipiert dadurch an einer "Universalgeschichte der Kontingenz", schreibt Vogl, für welche die Gegenwart immer auch etwas anderes als die tatsächliche Zukunft ihrer Vergangenheit sein kann.
Was im Fall Musils einleuchtet, wirkt in anderen Beispielen des Buchs manchmal vage und wie beiläufig aus dem Zettelkasten gegriffen. Mit Eleganz finden die Überlegungen aber immer wieder zum Zentralthema des Schwebens zurück, soweit das bei einem so wolkigen Gegenstand wie diesem denn möglich ist. Eine nebulös gewordene Wirklichkeit - in welcher der visuelle Augenschein eine immer geringere Rolle spielt, in Zahlen gefasste wissenschaftliche Einsichten in Wahrscheinlichkeitswolken zerstieben und das literarische Erzählen oft die Form eines historischen Konjunktivs annimmt -, schillert in allen Schattierungen aus dieser Studie.
Diese oszillierende Vielfalt geht in den letzten Kapiteln des aus Vogls Abschiedsvorlesung an der Berliner Humboldt-Universität hervorgegangenen Buchs allerdings teilweise verloren. Abgesehen von einem langen Exkurs über Kafka tritt da etwas einseitig der Entwurf zu einer Erkenntnistheorie für Situationen in den Vordergrund, bei denen man es nur noch mit Imponderabilien zu tun hat, das heißt mit manifesten Erscheinungen von zusehends schwindender Evidenz.
Wenn der Zusammenhang von Ursache und Wirkung in Wirbelbewegung gerät, das Reale als eine "Wolke von Umständen" in Erscheinung tritt, sind Ereignisse nicht mehr aus Gesetzen und Gesetze nicht mehr aus Ereignissen ableitbar. Physik und Chemie bewegen sich heute schon, weitab der Bahnen von Induktion und Reduktion, in einer Welt der Fluktuationen, Verzweigungen, Instabilitäten. Mit der Ordnungskraft von Gesetzmäßigkeiten und vorausgesetzten Prinzipien ist da nicht mehr zu rechnen. Auf die Idee irgendwie gesteuerter Vorgänge setzt dennoch sehr wohl, wer sich nicht der reinen Beliebigkeit anheimgeben will.
Nach Charles Sanders Peirce und anderen Autoren übt Vogl sich im Versuch einer Ereigniswissenschaft, die kein Firmament allgemeiner Gesetzmäßigkeit mehr über sich hat und sich von Einzelfall zu Einzelfall bewegt. Das "Schwebende" wird für ihn dadurch zum "Emblem einer Welt, in der festgestellte Tatsachen vom Schatten ihrer Interpretationen heimgesucht werden und die verwirklichten Ereignisse sich um den Saum ihrer uneingelösten Möglichkeiten verdoppeln". Die anfangs angedeuteten politischen und existenziellen Implikationen kommen in diesem Programm aber aus dem Blick, treiben davon wie Kafkas "Kübelreiter" in der - unter Vogls zahlreichen Kafka-Beispielen nicht vorkommenden - Erzählung, wo der in der eisigen Winterluft Schwebende von der unerbittlichen Kohlenhändlerin durch ein Wedeln mit der Schürze - "zu leicht ist er" - weggescheucht wird. JOSEPH HANIMANN
Joseph Vogl: "Meteor". Versuch über das Schwebende.
C. H. Beck Verlag, München, 2025. 144 S., Abb., geb.
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