"Sie dachte, dass es der Zweifel war, der einem zum Verhängnis wurde, dass eine Wahl zu haben Leid verursachte und die Seele zerfraß. Jetzt, da sie sich entschieden hatte, da es kein Zurück mehr gab, fühlte sie sich stark. Stark, nicht mehr frei zu sein."InhaltDie Lebensgeschichte der jungen, fröhlichen Französin Mathilde nimmt eine dramatische Wendung, als sie ihrem marokkanischen Ehemann in seine Heimat folgt. Amine besitzt dort ein Stück Land, welches er trotz der ungünstigen agrarwirtschaftlichen Bedingungen zu seinem Lebenswerk machen möchte. Er träumt davon, sein eigener Herr zu sein und autark für seine Angehörigen sorgen zu können. Doch schon bald erkennt das Paar, dass ihre Lebensvorstellungen sehr weit auseinander gehen und ein Konsens fast unmöglich erscheint. Mathilde sehnt sich trotz ihrer zwei Kinder nach Freizeitgestaltung und einem Leben jenseits der alltäglichen Bürden. Und Amine versteht nicht, warum seine Frau nach so unbeständigen Dingen strebt und sich nicht wie alle anderen einheimischen Frauen ihrem Mann unterordnet und zufrieden ist mit dem, was ihr das Leben schenkt. Der Streit und die Zerwürfnisse werden immer schlimmer und es ist ein Kraftakt für beide Parteien immer genau so viel Zugeständnisse zu machen, dass der andere bleibt.Hinzu kommt der Schatten des historischen Hintergrunds - denn in Marokko leben im Jahr 1954 viele Franzosen ihr gut situiertes, europäisches Leben und nutzen die Einheimischen für all ihre Zwecke, jedoch ohne deren Land und Leben zu respektieren. Die Unruhen werden immer stärker und Amines Bruder Omar kämpft in erster Front bei den Rebellen, während sich seine Schwester einen französischen Liebhaber gesucht hat. Die Zerrissenheit des Landes, die ständigen Kämpfe, die immer blutiger werden und der harte Kampf um die Unabhängigkeit, bedrohen die Familie Tag für Tag. Und während Mathilde sich der Wundversorgung der armen marokkanischen Bevölkerung annimmt, sucht Amine voller Verzweiflung den verschollenen Bruder, dessen Herzblut genauso stark für die Heimat schlägt, wie sein eigenes.Die Liebesgeschichte zwischen Mathilde und Amine könnte das verbindende Glied sein, denn vielleicht wäre es auch gesellschaftlich möglich, einander neu zu begegnen. Doch sowohl in der Politik als auch im Hause Belhaj herrscht eisiges Schweigen, brodelnde Wut und offene Gewalt. Nur die Kinder bringen es fertig mit ihrem bloßen Dasein zu vereinen, was unvereinbar erscheint ...MeinungDie Romane der französisch-marokkanischen Autorin Leïla Slimani lese ich ausgesprochen gern und immer, wenn ein neues Buch von ihr erscheint, wandert es auf meinen Merkzettel. Zu diesem hier gibt es bereits den Folgeroman ("Schaut, wie wir tanzen"), den ich mir sicherlich noch zulegen werde. Besonders nennenswert finde ich hier die persönliche Betroffenheit, die den Background des Textes ausmacht, denn die Story basiert auf der Geschichte ihrer Großeltern. Sie überträgt gekonnt den historischen Kontext auf die Empfindungen verschiedener Menschen aus konträren Kulturen mit vollkommen anderen Grundvorstellungen, was ein Leben lebenswert macht. Im Kleinen wie im Großen entfaltet sich hier sowohl ein gesellschaftskritischer Roman als auch ein Familienepos mit den großen und kleinen Dramen zwischen Mann und Frau, Freiheit und Zwang, Liebe und Schuld.Die Geschichte macht neugierig auf den politischen Konflikt, auf die Rolle des Außenseiters in der Gesellschaft und die Verfehlungen des Einzelnen in Anbetracht seiner Gesamtsituation. Alles wirkt realistisch, fast neutral und die emotionale Ebene bleibt weitestgehend unberührt. Dieser Schreibstil lässt die Figuren lebendig werden, auch wenn man sich ihnen als Leser nicht nähern kann. Doch gerade diese Fremdheit passt ausgezeichnet zum Kernthema. Man kann eigentlich weder für den einen noch für den anderen Partei ergreifen und das ist wohl auch gut so.FazitDiesem informativen, generalistischen Roman über Familie, Krieg, Identität und Anderssein gebe ich gerne 4 Lesesterne. Mein einziger Kritikpunkt ist die mäandernde Erzählweise. Zeitlich bleibt alles klar umrissen, denn man kann die Hintergründe durch das genannte Alter der Kinder erschließen, doch die Chronologie der Aussagen ist sprunghaft. Eheliche Gewalt, politische Unruhen, persönliche Ziele und kleine Fluchten folgen bunt gemischt aufeinander und erhellen immer nur gewisse Punkte. Ein stringenterer Aufbau hätte dem Roman noch mehr Aussagekraft verliehen. Das Ende bleibt mir zu unbestimmt (deshalb freue ich mich natürlich auf den Nachfolger), das Resümee zu schwammig. Und nicht zuletzt sind es die traurigen Erkenntnisse, die bleiben und die unbeirrbar für alle weiteren Zeiten gelten könnten, ganz egal, welche Jahreszahl im Kalender steht - das macht betroffen!