Neben der Covergestaltung hat mich vor allem die Perspektive angesprochen, aus der Annegret Liepolds Debütroman "Unter Grund" erzählt wird: Die Sichtweise von Franka, einer jungen Frau, die als Jugendliche für einige Monate in einen rechtsextremistischen Freundeskreis gerät und nun Jahre später in das Dorf, in dem sie aufgewachsen ist, zurückkehrt, um diese Zeit zu reflektieren.
Die ungeschönte, nicht romantisierte Beschreibung einer Jugend im Dorf, die Beweggründe, warum sich Menschen rechten Gruppen anschließen und ein angedeutetes Familiengeheimnis rund um Frankas Großmutter - die Hauptthemen des Romans haben mich wirklich neugierig gemacht. Dennoch habe ich lange gebraucht, um mit dem Buch und vor allem der Protagonistin, die stets lieber vor allen davonläuft, statt klärende Gespräche zu führen, warm zu werden. Das lag einerseits am Schreibstil, da ich immer wieder über Formulierungen gestolpert bin, die nicht ganz stimmig schienen. Es waren zwar nur Kleinigkeiten, in der Summe haben sie jedoch meinen Lesefluss gestört. Manchmal hatte ich den Eindruck, die Autorin hat sich bemüht, tiefgründiger zu klingen, als es die entsprechenden Textstellen hergaben.
Andererseits wurde das Dorf für mich nicht richtig greifbar. Am Anfang gibt es eine starke Szene, in der das Dorf wie eine Art Protagonist auftritt. Ich bin zunächst davon ausgegangen, dass Franka und ihre Großmutter, eine wichtige Figur im Roman, im selben Dorf gelebt haben, später ist dann aber die Rede vom Nachbardorf. Es ist mir letztlich nicht ganz klar geworden, ob es um eines oder mehrere Dörfer geht und ob "das Dorf" nun der Ort ist, an dem Franka mit ihren Eltern gelebt hat oder der, in dem das Haus der Großmutter steht. Auch die Größe des Ortes blieb mir schleierhaft. Erst scheint es ein sehr kleiner Ort zu sein, in dem jeder jeden kennt und alles über die anderen weiß, dann können einem aber plötzlich doch Dorfbewohner begegnen, die man nicht oder kaum kennt, und man braucht ein Auto, um zur Großmutter zu fahren. Auch die Figuren neben Franka waren für mich größtenteils wenig greifbar und wirkten eher eindimensional.
Ebenfalls gestört hat mich, dass die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland, die Liepold sehr passend als Hintergrundgeschehen für die Geschichte gewählt hat, teilweise nicht zu der zeitlichen Einordnung der Ereignisse des Sommers passt, in dem Franka sich mit den rechtsextremistischen Jugendlichen anfreundet. Da die Autorin Spielergebnisse und Torschützen recht genau recherchiert hat, hätte sie eigentlich auch bemerken müssen, dass die WM bereits am 9. Juli endete und Ende Juli, als das Dorffest stattfindet, somit schon längst vorbei war.
Die letzten Kapitel haben mich aber dann doch mit dem Roman versöhnt. Liepold schafft es, nachvollziehbar zu machen, wie es passieren kann, dass eine Jugendliche wie Franka ganz plötzlich anfängt, im Geschichtsunterricht den Holocaust anzuzweifeln und sich einer rechtsextremistischen Gruppe anzuschließt. Unter Grund zeigt gut die Zerrissenheit zwischen der Verbundenheit mit dem Heimatort, der Familiengeschichte und Tradition und dem Gefühl fehlender Zugehörigkeit. Die Auflösung des Familiengeheimnisses hat mich überrascht und meiner Meinung nach für einen runden Abschluss der Geschichte und eine Entwicklung der Protagonistin gesorgt.
Ich empfehle "Unter Grund" von Annegret Liepold allen, die ungewöhnliche Coming of Age Geschichten mögen, sich für das Thema Dorfleben interessieren und sich fragen, wie es passieren kann, dass Menschen in die rechte Szene abrutschen, und die über kleine Ungenauigkeiten und ein paar holprige Formulierungen hinwegsehen können.