Alle kennen Dracula - aber wer kennt Carmilla? Lange bevor Bram Stoker seinen berühmten Blutsauger erschuf, erblickte bereits diese düstere, atmosphärische Erzählung das Licht der Welt. Es ist eine Geschichte voller Geheimnisse und schauriger Andeutungen.Sie wird rückblickend aus der Sicht der jungen Laura erzählt, die abgeschieden mit ihrem Vater in einem Schloss lebt als einzige Bewohner, wenn man das Personal nicht mitrechnet. Dies ändert sich als ein Unfall vor den Toren des Schlosses passiert - mit dem Ergebnis, das die mysteriöse und faszinierende Carmilla bei ihnen Obdach findet und einzieht. Schnell entwickelt sich zwischen den beiden Frauen eine tiefe, beinahe hypnotische Verbindung. Doch während Lauras Gefühle für Carmilla immer intensiver werden, häufen sich unheimliche Vorfälle, und eine düstere Bedrohung schleicht sich durch die nächtlichen Gänge ...Was mich an Carmilla sofort gefesselt hat, ist die unheimliche Atmosphäre und die düsteren Andeutungen - es fühlt sich an wie ein Albtraum, in den man langsam hineingezogen wird, bis sich das Unheil irgendwann mit voller Wucht entlädt. Dies wird vor allem durch die etwas ausschweifenderen Erzählungen gestärkt.Le Fanu spielt hier mit klassischen Schauerroman-Elementen, aber gleichzeitig wirkt es erstaunlich modern - gerade durch die subtile Erotik und die tiefen Emotionen zwischen den beiden Protagonistinnen.Besonders spannend fand ich, dass Carmilla eine der ersten Vampirerzählungen ist, die die weibliche Verführerin in den Mittelpunkt stellt. Sie ist kein groteskes Monster, sondern eine wunderschöne, faszinierende und zugleich zutiefst gefährliche Gestalt, anders als der in Umhänge gehüllten Grafen Dracula.Für mich war das kleine, hübsche Bändchen ein kurzweiliges Highlight, das ich an einem Abend verschlungen habe. Wer düstere, atmosphärische Geschichten liebt und sich für die Ursprünge der Vampirliteratur interessiert, sollte sich dieses Buch nicht entgehen lassen. Ein echter Klassiker, der viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätte!