Mythen müssen nicht aus grauer Vorzeit stammen. Sie entstehen immer wieder neu. Der Untergang der Titanic ist ein solcher moderner Mythos des 20. Jahrhunderts. Natürlich gab es viele Schiffsunglücke, doch dieses lässt nun schon seit fast 100 Jahren jeden, der sich damit beschäftigt, der davon hört, fasziniert den Atem anhalten - der Kinoerfolg von James Camerons Film ist nur eine Variante dieses Interesses. Aber warum eigentlich? Dieser neue geniale Streich aus der Reihe Abenteuer & Wissen von Maja Nielsen möchte diese Frage beantworten und lässt dazu den ganzen Tag der Schiffskatastrophe, den 10. April 1912, sich wieder ereignen - vor dem Ohr des gebannten Hörers. Die peinlich genaue Dokumentation, all die kleinen und bestürzenden Details, die über diesen Tag auf dem atlantischen Ozean bekannt sind, werden in ein vieldimensionales Hörbuch verwandelt, das vor allem den ersten Offizier Charles Lightoller, einen der selbstlosen Helden an Bord, begleitet von der gar nicht so spektakulären Kollision mit dem Eisberg über seine Rettungsaktionen und seinen als sicher angenommenen Tod auf der Kommandobrücke bis hin zum Wunder seines Überlebens auf einem kleinen, gekenterten Faltboot. Doch auch die Schicksale anderer Passagiere vom armen Auswanderer bis zum Milliardär, vom Maschinenarbeiter zum Kapitän werden in eindrucksvoller Weise in den Plot integriert. Und während sich der mitfühlende Hörer die eine oder andere Träne verdrücken muss (oder ihr freien Lauf lässt), ahnt er, warum ihn dieses untergehende Schloss so fesselt: Hier, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, glaubten Menschen, sie hätten ein unsinkbares Schiffs gebaut, ausgestattet mit allem erdenklichen Luxus, größer und schöner als alles, was das Meer zuvor gesehen hat. Nicht einmal Gott, selbst wenn er es gewollt hätte, sollte es vernichten können. Daran knüpften sich auch die Hoffnungen hunderter armer Seelen, die in die tiefsten Regionen des Schiffbauchs verbannt in der Neuen Welt Amerika ein neues, anderes Leben beginnen wollten. Doch es kam anders. Der Hochmut wurde - wie im antiken Mythos - bestraft. Die Titanic sank und mit ihr ca. 1.500 Menschen aus jeder Bevölkerungsgruppe, denn die wenigen Rettungsboote konnten nur einen Bruchteil der Passagiere aufnehmen. Der zweite Teil des 90minütigen Dramas handelt von zwei Ingenieuren, deren Ziel es 70 Jahre später war, das Wrack in etwa 4000m Meerestiefe aufzuspüren und zu fotografieren. Ihre hochtechnisierte Ausstattung und vor allem ihre Willenskraft ließen das Unternehmen schließlich gelingen. Und im Augenblick des Triumphs stellte sich plötzlich - fernab von allem Medienrummel nachts gegen 2 Uhr auf dem grauen Atlantik - wieder die Ehrfurcht vor den Opfern ein, der Respekt vor dem, was sie genau an dieser Stelle erleben mussten. Für die Hörer dieser Aufnahme gibt es eine logische Konsequenz aus dieser Betroffenheit: wir Menschen sind nicht das Maß aller Dinge, es gibt etwas, was viel mächtiger ist, als unsere Möglichkeiten die Welt zu beherrschen. Wer diese Erkenntnis nicht achtet, begibt sich in große Gefahr.
Gabriele Hoffmann (Leanders Leseladen, Heidelberg)