"...Ich wurde am 6. Jänner 1940 geboren, in der Nacht zum Dreikönigstag. Während der Mann mit der sich überschlagenden Stimme die Welt und unser kleines Land in einen vernichtenden Krieg zog und die Erde mit Blutopfern tränkte, blutete meine Mutter auf den frisch gescheuerten Küchenboden. Er nahm viele Leben und sie schenkte eines. Sieg und Heil gab es für keinen..."
Mit diesen Zeilen endet der Prolog eines bewegenden Buches. Der Prolog, in dem Anna ihre Geschichte beginnt, spielt 2004. Der Schriftstil ist fein ausgearbeitet. Er hat die Besonderheit, dass zu Beginn jedes Kapitels die Familiengeschichte erzählt wird, und sich daran in kursiver Schrift die persönliche Schilderung von Anna anschließt. Die Handlung ist in Forstau angesiedelt, einem kleinen Bergdorf am Fuße der österreichischen Tauern.
Toni und Marie hatten die Weihnachtstage auf dem Julianenhof verbracht, weit oberhalb des Dorfes. Dann setzen plötzlich die Wehen. Bei Schneesturm macht sich Toni auf den Weg zu Barbara, der Hebamme. Er sollte sie nie erreichen. Seine Tochter Anna überlebt, doch ihr Vater wird sie nie in den Armen halten.
Von ihrer Großmutter hat Anna eine besondere Gabe geerbt. Barbara hat die gleiche und sie lehrt Anna, damit umzugehen. Gleichzeitig wird beschrieben, wie der Krieg in dem kleinen Ort wirkt. Es sind harte Zeiten. Sich von anderen zu unterscheiden, ist lebensgefährlich. Annas Worte klingen so:
"...Sie konnten nichts aufhalten, denn es war alles längst vorherbestimmt. Wir entkamen unserer Bestimmung nicht..."
Auch nach dem Krieg lebt Anna meist bei der Mutter auf der Alm. Im Winter kommen beide bei Barbara unter. Drei Frauen haben es nicht einfach in einer männerbestimmten Welt. Marie verdient ihr Geld als Sennerin. Anna muss schon früh mithelfen. Sehr genau wird beschrieben, wie der tag auf der Alm abläuft.
Doch die Zeiten ändern sich. Es muss ein Weg gefunden werden, dass Anna die Schule besuchen kann.
"...Marie, es ist nicht mehr wie vor dem Krieg. Es hat sich so viel getan. Unsere Kinder müssen lernen! Die Welt verändert sich..."
Das Lernen fällt ihr leicht. Sie träumt davon, Ärztin zu werden. Das Leben aber stellt die Weichen ganz anders.
Eines Tages macht Roman Marie den Hof. Nach Jahren der Trauer lässt sie sich auf den Mann ein. Alles scheint eitel Sonnenschein, doch das ändert sich schnell
Dieser erste Band endet, als Anna 14 Jahre ist. Da ist von ihren Lebensträumen schon nicht mehr viel übrig.
"...Traurig sah sie die Tante an. "Ich habe keine Wahl, wie es scheint. Ich habe nie eine Wahl gehabt." Dann ging sie mit gesenkten Kopf hinein..."
Eingebunden in die Handlung sind Sagen und Legenden der Region. Ein inhaltsreiches Nachwort trennt Realität und Fiktion.
Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Es zeigt, wie sich die alten Strukturen auf den Dörfern auch nach dem Krieg gehalten haben. Noch sind die Veränderungen gering. Es gibt im Ort aber Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. Im Ernstfall hält man zusammen.